Er versteht die weisse und die indigene Seite
Mit 90 Jahren blickt Georg Riedler auf ein ungewöhnliches Leben zurück. Auch weil er von einer fremden Kultur fasziniert ist. So wurde er sogar in den Stamm der Oglala Lakota aufgenommen und lebte zwischen Schulmedizin und indigener Spiritualität.
Artikel von Denise Dollinger Luzerner Zeitung vom 29.05.2026
He Ska Zintkala – «Vogel der weissen Berge». So nennen die Oglala Lakota den Luzerner Georg Riedler. Der Name geht auf einen Traum zurück – und auf einen Telefonanruf mitten in der Nacht.
Es ist das Jahr 2016, als Vance Blacksmith, ein «Elder» (Weiser) der Oglala Lakota, seinen Freund Georg in der Schweiz anruft. Sie müssten sich dringend treffen, sagt er. Es gebe etwas Wichtiges zu besprechen.
«Zuerst sagte ich, du spinnst»
Einige Monate später spazieren sie durch Winterthur. Blacksmith erzählt von seinem Traum: Ein Mann vor einem grossen weissen Berg winkt den Vögeln zu. Für ihn ist klar, was das bedeutet. Georg Riedler soll in seinen Stamm aufgenommen werden. «Zuerst sagte ich, du spinnst», erinnert sich der ehemalige Luzerner Chefarzt und lacht. «Das ist doch total verrückt.»
Mit 90 Jahren blickt Georg Riedler auf ein ungewöhnliches Leben zurück. Auch weil er von einer fremden Kultur fasziniert ist. So wurde er sogar in den Stamm der Oglala Lakota aufgenommen und lebte zwischen Schulmedizin und indigener Spiritualität.
Artikel von Denise Dollinger Luzerner Zeitung vom 29.05.2026
He Ska Zintkala – «Vogel der weissen Berge». So nennen die Oglala Lakota den Luzerner Georg Riedler. Der Name geht auf einen Traum zurück – und auf einen Telefonanruf mitten in der Nacht.
Es ist das Jahr 2016, als Vance Blacksmith, ein «Elder» (Weiser) der Oglala Lakota, seinen Freund Georg in der Schweiz anruft. Sie müssten sich dringend treffen, sagt er. Es gebe etwas Wichtiges zu besprechen.
«Zuerst sagte ich, du spinnst»
Einige Monate später spazieren sie durch Winterthur. Blacksmith erzählt von seinem Traum: Ein Mann vor einem grossen weissen Berg winkt den Vögeln zu. Für ihn ist klar, was das bedeutet. Georg Riedler soll in seinen Stamm aufgenommen werden. «Zuerst sagte ich, du spinnst», erinnert sich der ehemalige Luzerner Chefarzt und lacht. «Das ist doch total verrückt.»
Georg Riedler alias He Ska Zintkala («Vogel der weissen Berge») in einem echten Tipi-Zelt, das im Garten seines Hauses in Ebikon steht. Bild: Manuela Jans (21. 5. 2026)
Doch für die Lakota haben Visionen eine besondere Bedeutung. Das Aufnahmeritual findet im Schützenhaus in Pfungen ZH statt. Der damals 81-jährige Riedler bringt Wasser aus einer Naturquelle und Erde von einem unberührten Ort mit. Wie von Blacksmith aufgetragen. Rund dreissig Menschen sitzen um ein Feuer, singen, tanzen und beten. Alle vermischen einen Krümel Erde mit ein paar Tropfen Wasser und verreiben beides zwischen den Fingern. «Die Erde ist unsere Mutter – ohne Mutter kein Leben.» Georg Riedler erhält feierlich den Namen He Ska Zintkala.
Das Glück der richtigen Begegnungen
Seine Verbindung zu den Lakotas beginnt schon lange davor. Damals lebt er mit seinen Eltern und drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf dem Zollikerberg in einem Bauernhaus mit zwei Zimmern. An Weihnachten, so erinnert er sich, galt ein geteilter Cervelat als grösstes Glück. Seine Kindheit verbringt er oft draussen, auf Feldern, im Stall und bei einem Bauern aus der Nachbarschaft. Diesem hilft er etwa beim Mistführen und sitzt sonntags ohne Sattel auf dem Pferd. «Von klein auf fühlte ich mich diesen Tieren verbunden.»
Doch für die Lakota haben Visionen eine besondere Bedeutung. Das Aufnahmeritual findet im Schützenhaus in Pfungen ZH statt. Der damals 81-jährige Riedler bringt Wasser aus einer Naturquelle und Erde von einem unberührten Ort mit. Wie von Blacksmith aufgetragen. Rund dreissig Menschen sitzen um ein Feuer, singen, tanzen und beten. Alle vermischen einen Krümel Erde mit ein paar Tropfen Wasser und verreiben beides zwischen den Fingern. «Die Erde ist unsere Mutter – ohne Mutter kein Leben.» Georg Riedler erhält feierlich den Namen He Ska Zintkala.
Das Glück der richtigen Begegnungen
Seine Verbindung zu den Lakotas beginnt schon lange davor. Damals lebt er mit seinen Eltern und drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf dem Zollikerberg in einem Bauernhaus mit zwei Zimmern. An Weihnachten, so erinnert er sich, galt ein geteilter Cervelat als grösstes Glück. Seine Kindheit verbringt er oft draussen, auf Feldern, im Stall und bei einem Bauern aus der Nachbarschaft. Diesem hilft er etwa beim Mistführen und sitzt sonntags ohne Sattel auf dem Pferd. «Von klein auf fühlte ich mich diesen Tieren verbunden.»
Georg Riedler und Vance Blacksmith, spiritueller Führer der Oglala Lakota, aufgenommen im Pineridge Reservat in Süddakota.
Gleichzeitig fasziniert ihn die Welt der Sioux und Prärieindianer. Er verschlingt Bücher und Geschichten darüber und gründet mit einem Nachbarsjungen sogar einen eigenen «Indianerstamm». Gemeinsam sammeln sie Beeren, Gemüse und Früchte, fangen Fische von Hand und verteilen die Lebensmittel zwischen ihren Familien. «Schon damals wusste ich, dass ich eines Tages dorthin reisen würde.»
Der Lehrer beleidigt ihn – und er wird Arzt
Mit zwölf hält er in der Schule einen Vortrag über die Sioux. Der Lehrer fährt ihn an und erklärt ihm kurz danach: «Du bist zu dumm, um einen Beruf zu erlernen.»
Doch Georg Riedler lässt sich nicht beirren. Für ihn steht seit der Primarschule fest, dass er einmal Arzt werden will. Er schafft es ans Gymnasium und finanziert sich das Medizinstudium unter anderem als Buchbinder, Tramkondukteur und Bauarbeiter. «Ich hatte das Glück, immer an die passenden Menschen und Situationen zu geraten.» Es ist ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch seine Biografie zieht. Vieles, findet der 90-Jährige heute, sei ihm im richtigen Moment einfach zugeflogen.
Ein Brief von Prinz Philip
Jahre nach dem Staatsexamen zieht es ihn 1966 nach Boston – an die Harvard University. Dort trifft er einen schottischen Freund, genauso «indianerverrückt» wie er selber. Gemeinsam träumen die beiden davon, ein modernes Spital in einem Indianerreservat aufzubauen. Mit den medizinischen Einrichtungen, die vor Ort fehlen.
Sie reisen durch verschiedene Reservate, sehen Elend, Alkoholismus und Hoffnungslosigkeit. «Das wollten wir verändern», sagt Georg Riedler. Aus dem Projekt wird nie etwas. Doch die Begegnungen lassen ihn nicht mehr los.
Gleichzeitig fasziniert ihn die Welt der Sioux und Prärieindianer. Er verschlingt Bücher und Geschichten darüber und gründet mit einem Nachbarsjungen sogar einen eigenen «Indianerstamm». Gemeinsam sammeln sie Beeren, Gemüse und Früchte, fangen Fische von Hand und verteilen die Lebensmittel zwischen ihren Familien. «Schon damals wusste ich, dass ich eines Tages dorthin reisen würde.»
Der Lehrer beleidigt ihn – und er wird Arzt
Mit zwölf hält er in der Schule einen Vortrag über die Sioux. Der Lehrer fährt ihn an und erklärt ihm kurz danach: «Du bist zu dumm, um einen Beruf zu erlernen.»
Doch Georg Riedler lässt sich nicht beirren. Für ihn steht seit der Primarschule fest, dass er einmal Arzt werden will. Er schafft es ans Gymnasium und finanziert sich das Medizinstudium unter anderem als Buchbinder, Tramkondukteur und Bauarbeiter. «Ich hatte das Glück, immer an die passenden Menschen und Situationen zu geraten.» Es ist ein Satz, der sich wie ein roter Faden durch seine Biografie zieht. Vieles, findet der 90-Jährige heute, sei ihm im richtigen Moment einfach zugeflogen.
Ein Brief von Prinz Philip
Jahre nach dem Staatsexamen zieht es ihn 1966 nach Boston – an die Harvard University. Dort trifft er einen schottischen Freund, genauso «indianerverrückt» wie er selber. Gemeinsam träumen die beiden davon, ein modernes Spital in einem Indianerreservat aufzubauen. Mit den medizinischen Einrichtungen, die vor Ort fehlen.
Sie reisen durch verschiedene Reservate, sehen Elend, Alkoholismus und Hoffnungslosigkeit. «Das wollten wir verändern», sagt Georg Riedler. Aus dem Projekt wird nie etwas. Doch die Begegnungen lassen ihn nicht mehr los.
Sequoia Crosswhite, hier mit Georg Riedler, setzt sich für die Bewahrung der Kultur, Sprache und Philosophie der Lakota ein.
Seither reist er regelmässig zu den Reservaten – mindestens einmal im Jahr. Er arbeitet an der Harvard Medical School und feiert in den 1980er- und 1990er-Jahren grosse Erfolge in der Transfusionsmedizin. Parallel dazu bewegt er sich weiterhin in jener Welt, die ihn schon als Kind geprägt hat. In der Welt der Pferde. Er engagiert sich intensiv im Distanzreiten und präsidiert schliesslich die Europäische Vereinigung für Distanzreiten. «Eines Tages bekam ich von der Federation Equestre international einen schönen Brief – von Prinz Philip», erzählt er. Der britische Prinz wolle ihn treffen. Es folgen Begegnungen und Gespräche – manchmal offiziell, manchmal «irgendwo in einem Stübli bei einem Bier». Später wird Riedler Chefarzt Hämatologie am Kantonsspital Luzern. Mit 64 Jahren lässt er sich pensionieren – ganz aufhören mit der Medizin kann er aber nicht. Er arbeitet noch bis zu seinem 78. Lebensjahr weiter.
Ein Leben in zwei Heimaten
Ein tiefer Einschnitt 12.Mai 2012: Georg Riedler überlebt ein lebensbedrohliches Aortenaneurysma. Wenige Monate später reist er erneut nach South Dakota und begegnet erstmals Vance Blacksmith. Noch im selben Jahr erhält er das Angebot, ganz ins Reservat zu ziehen – doch sein Leben bleibt in der Schweiz. Die über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaften zu den Lakotas vertiefen sich jedoch weiter.
Seither verbringt er jeden Sommer im Reservat und lädt umgekehrt immer wieder Stammesfreunde in die Schweiz ein. Georg Riedler sieht, wie Alkohol und Drogen Familien zerstören, wie Hoffnungslosigkeit ganze Generationen prägt. Gleichzeitig erlebt er aber auch Zusammenhalt. Er engagiert sich für die prärie-indianischen Kulturen, fördert deren traditionellen Werte. Und erlebt einen eindrücklichen Zusammenhalt mit den indigenen Familien, die er begleitet und unterstützt.
Spiritualität ergänzt klassische Medizin
Vieles von dem, was er bei den Lakota erlebt, kommt ihm seltsam vertraut vor. «Ich verstehe die weisse und die indigene Seite.» Die Spiritualität der Lakota zeige sich im tagtäglichen Leben – beim Räuchern, im gemeinsamen Schweigen und im Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist.
Auch Georg Riedler und seine Frau Marianne leben das im Alltag. Für ihn stand es auch nie im Widerspruch zu seinem Leben als Schulmediziner. Im Gegenteil. «Die klassische Medizin ist hervorragend für alles, was sich konkret diagnostizieren und behandeln lässt. Aber sie kann nicht jede Dimension eines Menschen erfassen.»
Für ihn waren Medizin und Spiritualität deshalb nie Gegensätze, sondern zwei parallele Wege. Entscheidend sei, «wach und aufmerksam durchs Leben zu gehen». Auf die Frage nach seinem Auftrag habe Vance Blacksmith geantwortet: «Erzähle von uns, so wie es wirklich ist.» Genau das tut Georg Riedler bis heute.
Seither reist er regelmässig zu den Reservaten – mindestens einmal im Jahr. Er arbeitet an der Harvard Medical School und feiert in den 1980er- und 1990er-Jahren grosse Erfolge in der Transfusionsmedizin. Parallel dazu bewegt er sich weiterhin in jener Welt, die ihn schon als Kind geprägt hat. In der Welt der Pferde. Er engagiert sich intensiv im Distanzreiten und präsidiert schliesslich die Europäische Vereinigung für Distanzreiten. «Eines Tages bekam ich von der Federation Equestre international einen schönen Brief – von Prinz Philip», erzählt er. Der britische Prinz wolle ihn treffen. Es folgen Begegnungen und Gespräche – manchmal offiziell, manchmal «irgendwo in einem Stübli bei einem Bier». Später wird Riedler Chefarzt Hämatologie am Kantonsspital Luzern. Mit 64 Jahren lässt er sich pensionieren – ganz aufhören mit der Medizin kann er aber nicht. Er arbeitet noch bis zu seinem 78. Lebensjahr weiter.
Ein Leben in zwei Heimaten
Ein tiefer Einschnitt 12.Mai 2012: Georg Riedler überlebt ein lebensbedrohliches Aortenaneurysma. Wenige Monate später reist er erneut nach South Dakota und begegnet erstmals Vance Blacksmith. Noch im selben Jahr erhält er das Angebot, ganz ins Reservat zu ziehen – doch sein Leben bleibt in der Schweiz. Die über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaften zu den Lakotas vertiefen sich jedoch weiter.
Seither verbringt er jeden Sommer im Reservat und lädt umgekehrt immer wieder Stammesfreunde in die Schweiz ein. Georg Riedler sieht, wie Alkohol und Drogen Familien zerstören, wie Hoffnungslosigkeit ganze Generationen prägt. Gleichzeitig erlebt er aber auch Zusammenhalt. Er engagiert sich für die prärie-indianischen Kulturen, fördert deren traditionellen Werte. Und erlebt einen eindrücklichen Zusammenhalt mit den indigenen Familien, die er begleitet und unterstützt.
Spiritualität ergänzt klassische Medizin
Vieles von dem, was er bei den Lakota erlebt, kommt ihm seltsam vertraut vor. «Ich verstehe die weisse und die indigene Seite.» Die Spiritualität der Lakota zeige sich im tagtäglichen Leben – beim Räuchern, im gemeinsamen Schweigen und im Bewusstsein, dass alles miteinander verbunden ist.
Auch Georg Riedler und seine Frau Marianne leben das im Alltag. Für ihn stand es auch nie im Widerspruch zu seinem Leben als Schulmediziner. Im Gegenteil. «Die klassische Medizin ist hervorragend für alles, was sich konkret diagnostizieren und behandeln lässt. Aber sie kann nicht jede Dimension eines Menschen erfassen.»
Für ihn waren Medizin und Spiritualität deshalb nie Gegensätze, sondern zwei parallele Wege. Entscheidend sei, «wach und aufmerksam durchs Leben zu gehen». Auf die Frage nach seinem Auftrag habe Vance Blacksmith geantwortet: «Erzähle von uns, so wie es wirklich ist.» Genau das tut Georg Riedler bis heute.